Klosterruine

Das Kloster scheint noch zu Lebzeiten des heiligen Bernhard gegründet worden zu sein, nun ist es nur noch einige traurige Ruine. Nicht erst seit 1803 ist es verlassen, und so recken sich nur noch einige Wände, die nicht genau wissen, ob sie noch romanisch oder schon gotisch sind und ein Kirchenportal fast inmitten eines kleinen Ortes zwischen Irgendwo und Nirgendwo in altem Stolz in den Himmel.
Eine gute Ruine, zumal eine Kirchen- oder Klosterruine braucht viel Zeit zum reifen und etwas Efeu für die alten Gemäuer. Alte Geschichten aus den wechselnden Zeiten von Größe und Niedergang, zeitweiliges Vergessen und vielleicht die eine oder andere Spukgeschichte können das Ensemble vervollständigen und abrunden. So kann sich der Zauber einer Ruine entfalten, so kann sie ihre fast vergessene Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft tragen.
Doch man kann eine Ruine auch zuschanden machen. Grausamer als der Zahn der Zeit, furchtbarer als Kriege, verheerender als Brände können Denkmalschutz und Fremdenverkehrsförderung gemeinsam mit beflissenem Bildungsbürgertum die beste Ruine ruinieren. Die verkrauteten Flächen werden zugunsten eines Rasens und einiger kleineren Ausgrabungen gerodet, bröckelnde Wände vom Efeu befreit, eingerüstet und restauriert, ein Museum eingerichtet. Die Fremdenverkehrsförderung lässt Flyer drucken und auch sonst nichts unversucht interessierte anzulocken, denen dann im Klosterkaffee Buchweizentorte verabreicht wird, nachdem sie gelangweilt durch das Museum geschlurft sind und die unvermeidlichen Videoinstallationen über sich ergehen ließen. Aus der Ruine werden so Mauerreste, aus einem geheimnisvollen Ort der Geschichte und der Phantasie wird ein musealer Trümmerhaufen trauriger Langeweile. Jedenfalls, bis das neue Museum selber wieder beginnt zu verfallen, nachdem sich herumgesprochen hat, daß die sorgfältig aufbereitete Ruine all ihren Zauber verloren hat.  Wenn der neu gewachsene Efeu sich nicht nur die alten Mauern zurückerobert, sondern auch die neuen, natürlich stilechten, Mauern des Museums überwuchert. Wenn an warmen Sommertagen wieder Kinder verbotenerweise die Ruine erkunden und Träumer aus dem verschwundenen Innenraum der Kirche durch das zerfallene Portal den Sonnenuntergang betrachten.

Oberhof

Auch in Oberhof ist es nicht besser als in Bensersiel. Die Gegend ist noch ärmer, man kann sich das Meer hier noch nicht einmal stundenweise leisten. Die Sommerfrischler sind abgezogen, im Hotel sind nur wenige Gäste. In ein paar Tagen ist Weihnachten, dann werden wohl auch die letzten Gäste abreisen. Wann dann neue Gäste kommen können ist unklar, die Schneereichen Winter im Thüringischen Hochland sind gefürchtet, möglicherweise ist Oberhof dann bis März oder April von der Außenwelt abgeschnitten. Da das Meer überhaupt nicht auftaucht gibt es hier auch thüringer Klöße und keine Schollen.

Bensersiel

Ein paar freie Tage in Bensersiel, an der Nordsee. Doch: Die Enttäuschung ist groß. Eigentlich liegt Bensersiel direkt an der Nordsee, jedoch ist die Gemeinde bettelarm. So arm sogar, daß sie sich das Meer nur stundenweise leisten kann, und dann auch nur sehr wenig davon. Die Nordsee ist, wenn sie schon einmal da ist, so flach, daß die darin schwimmenden Fische sich querlegen müssen, um vollständig unterzutauchen. Deshalb wird in den Restaurants hier viel Scholle serviert.

Im bergischen Land

Trüb leuchtend versucht die  einzeilige Laufschrift unter dem Schriftzug „Fahrgastinformation“ auf dem Bahnhof von Bergisch – Gladbach, die Fahrgäste über die ausgefallenen S-Bahnen zu informieren. Mal leuchtet sie etwas heller, mal etwas dunkler, zu erkennen ist die Schrift nicht. Vielleicht wird Ihre Nachricht später am Tag, wenn der trübe Oktobernachmittag in einen noch trüberen Oktoberabend übergegangenen sein wird oder auch erst in der Nacht, vorausgesetzt, daß die am Pfahl oberhalb der Anzeige angebrachte Straßenlaterne trüb genug  leuchtet, zu lesen sein.
Die Lautsprecherdurchsage, der es nicht gelingt, das Motorengeräusch der Linienbusse auf der anderen Seite des Bahnsteigs zu übertönen, überträgt die optischen Eigenheiten der Fahrgastinformation 1:1 auf die akustische Ebene. <Corporate Identity> nennt man so etwas. Eine irgendwie wahrnehmbare Information könnte den Fahrgästen durchaus bei ihrer weiteren Reiseplanung behilflich sein. Doch erst das Smartphone informiert über einen Stellwerkschaden irgendwo bei Düsseldorf, und kurz nachdem die Lautsprecherdurchsage den direkt unter ihr stehenden leise säuselnd erklärt hat, daß die nächste S-Bahn erhebliche Verspätung habe, fährt diese auch schon pünktlich ein.

in Köln empfängt mich eine klar verständliche Lautsprecherdurchsage, die das Ende der Streckensperrung verkündet.

Es ist geschafft

Ausgerechnet beim Backup mußte das passieren: Der Rechner, auf dem diese Seite lief,  gab den Geist auf. Nachdem ich also zwangsweise herausbekommen mußte, wie man mysql Datenbanken wieder herstellt und eine WordPressinstallation wieder rettet, durfte ich auch noch herausfinden, daß das alte Betriebssystem Umlaute anders behandelte als das neue, und daß sich die alten Einträge natürlich – warum auch immer – nicht editieren ließen. So war die gerettete Installation wenigstens dazu gut, aus ihr die alten Beiträge zu kopieren und in die neue Installation einzufügen. Die Umlaute durfte ich dann von Hand einfügen. Einige ortographische Fehler habe ich gefunden und berichtigt, an einigen Stellen die Syntax verbessert und die Interpunktion verschlimmbessert. Aus irgend einem Grund funktionieren auch die automatischen Halbgevierte nicht mehr – vielleicht sollte ich mal danach googeln.

schwein.ahnung.übung

‚schwein.ahnung.übung‘, so habe ich es eben herausgefunden, ist die Anschrift meines Hauseingangs. Er liegt genau zwischen ‚nebenan.beleg.falschen‘ und ‚verputzen.auffahrt.betäubt‘. Der Schreibtisch, an dem ich dieses schreibe hat die Adresse ‚ausfuhr.eile.kleiner‘. Auch die genaue Anschrift meines Kühlschranks ließe sich so angeben und auch meine Standuhr hat eine solche Adresse. Im Detail ließe sich der Weg zur Arbeit in solchen Gruppen aus drei Wörtern beschreiben, oder auch jeder ander drei mal drei Meter große Punkt auf diesem Planeten. Für mich ist das nicht besonders wichtig, aber für Menschen, deren Adresse nicht so eindeutig ist, kann das eine Hilfe sein.

So kann sich jemand in Afrika bei ‚neuzugänge.unterirdisch.neudruck‘ verabreden, ohne eine postalische Adresse haben zu müssen. Das kann vielleicht eine Hilfe sein, wenn man auf der Straße lebt, oder im Dschungel, oder sonstwo, wo es einfach keine Straßennamen gibt. Mein Navi kennt diese Bezeichnungen jedoch nicht, hierzulande ist es auch nicht unbedingt nötig. Nur hat leider jeder dieser Koordinaten nicht nur drei Bezeichnungen, sondern in jeder Sprache drei, was die Sache erschwert.

Außerdem ist google etwas ander Meinung, was die Position von ‚gebühr.gabel.endete‘ betrifft als What3words, dem Anbieter dieser Adressierungshilfe. Während die Position dieser Adresse eigentlich irgendwo bei Sao Paulo in Brasilien bezeichnet, findet Google Maps unter diesem Stichwort eine Metzgerei bei Bielefeld. Das würde jedoch einem instellaren Packetdienst wenigstens die planetengenaue Zustellug einer Sendung ermöglichen.

Leinemasch


Warum der RegionalExpress Verspätung hat oder wie lange es dauern kann mit der Bahn von Gleis acht nach Gleis zehn zu fahren

Auch der nächste Teil der Reise, es geht jetzt von Würzburg nach Fürth, verläuft nicht ganz genau so, wie es sich zumindest ein Teil der Reisenden vorgestellt hat. Wie groß die Freude auch war, in Würzburg den RegionalExpress zu erreichen, er wollte einfach nicht abfahren. Statt der erwarteten Abfahrt ereigneten sich nur mehrfache Durchsagen, die den Besitzer einer aufgefundenen Reisetasche baten, sich beim Bahnpersonal zu melden. Die Erfolglosigkeit der Anfrage äußerte sich in der einige Zeit später erfolgenden Durchsage, daß man den bereits hinlänglich überfüllten Zugteil verlassen und sich im anderen, bereits ebenso überfüllten Zugteil niederlassen möge. Die Dichte von von Reisenden im anderen Zugteil nahm also zu, die Dichte von Sicherheitskräften aller Art auf dem Bahnsteig ebenfalls.

Nur die irreführenden Durchsagen aus unverständlich quäkenden Lautsprechern und Anzeigen auf den verschiedenen Anzeigetafeln über dem Bahnsteig mildern die drangvolle Enge im verbliebenen Teil des RegionalExpress, da sich durch diese viele Reisende zum verlassen des Zuges animiert sehen. Dadurch komme ich zu einem Sitzplatz, auf den ich, mittlerweile hustend und fiebrig, vielleicht kein unbedingtes Anrecht, den aber kampflos aufzugeben auch nicht vor habe. So fährt der Zug jetzt von Gleis acht nach Gleis zehn, nicht ohne einen nicht zu kurzen Zwischenstopp außerhalb der Bahnsteige einzulegen, um dann einen weiteren Halt auf Gleis zehn einzulegen.

Mittlerweile sind wir auf der Strecke und fahren tatsächlich Richtung Nürnberg. Viele Kirchtürme in der Landschaft hier tragen hier Barockhauben, bis auf die protestantischen, die eher Neugotik bevorzugen.

Zwischen Sturm und Streik oder wie man das Leben in vollen Zügen genießen kann

Ich bin auf dem Weg nach Fürth. Den ersten Zug – er kam trotz aller Wetterprobleme rechtzeitig – mußte ich mit einigen hundert anderen Mitreisenden, deren Züge gestrichen worden waren, wieder verlassen. Der Zug war einfach nicht mehr in der Lage, sich mit den zugestiegenen Menschenmassen vom Fleck zu rühren. Also heißt es, einen Ersatzzug zu nehmen, der jetzt zumindest in die richtige Himmelsrichtung fährt. Von Würzburg muß ich dann vielleicht zu Fuß gehen.

Der Zug hält hin und wieder auf freier Strecke an, das scheint dem durcheinander geratenen Fahrplan geschuldet zu sein. Das Ersatzteil in meiner Tasche kostet wenige Cent, mit etwas Glück ist es innerhalb weniger Minuten getauscht, ob ich das richtige Teil dabei habe, weiß ich natürlich auch nicht. So sehen Abenteuer aus. Mal sehen, was noch kommt. Ein deutliches Missverhßltnis zwischen Aufwand und Anreise.

Jetzt stehen wir in einem Wald vor Kassel. Die Sonne scheint und die Bäume bekommen Knospen. Wenn wir Glück haben, werden sie sich noch nicht zu vollständigen Blättern entwickelt haben bevor es weitergeht. Die Kaffeeverkäuferin zieht mit ihrem Wägelchen unverdrossen ihre Bahn durch den Zug, auch sie wollte ursprünglich den anderen Zug nehmen, hätte aber doch völlig neue Fortbewegungsmethoden erfinden müssen, um sich und ihre Waren zuerst in den Zug hinein und dann durch die Menschenmassen zu bewegen. Mein Plan (A), heute noch zurückzufahren wird nicht einfach zu verwirklichen sein, der Alternativplan (B), heute Nacht in einem Hotel zu übernachten, wird wohl aus den Selben Gründen wie Plan (A) schwierig werden.

Kassel haben wir eben verlassen, vor der Einfahrt zwischen Lärmschutzwände zeigt sich eben noch eine Kirche hoch auf einem bewaldeten Bergrücken westlich der Bahnlinie. Ein romantischer Anblick, leider dauert er nur zwei Sekunden. Ich sitze ungefähr in der Zugmitte und so treffen sich die beiden Schaffner, die ihrer Arbeit von den entgegengesetzten Zugenden aus nachgehen, ungefähr bei mir.
Ich habe kaum einen Zweifel, daß sie auf der ganzen Strecke immer wieder die selben Fragen beantwortet haben, die sie auch in meiner Nähe gestellt bekommen: nämlich ob der Anschlußzug überhaupt oder pünktlich führe, ob man eine Chance habe, ihn zu erreichen. Das können die Beiden jedoch auch nicht wissen, da durch die häufigen und ungeplanten Stops unseres Zuges auf der Strecke keine Vorhersage der jeweiligen Ankunftszeitenin den Umsteigebahnhöfen möglich ist. Das kann sich eigentlich jeder Mitreisende denken. Ich fange das philosophieren darüber an, ob es das Schicksal vieler Menschen seien kann, auf immer dieselben Fragen gestellt zu bekommen und immer wieder zu antworten, daß man es selber auch nicht wisste, jedenfalls nicht genau. Dabei kommt mir die Frage, ob es vielleicht Parallelen zwischen dem Beruf des Zugschaffners und dem des Theologen gibt. Solange alles geht wie immer oder wenn Bahn oder Leben aus der Bahn geraten: hinterher ist man schlauer. Und eine Frage zu stellen, von der man eigentlich selber wissen könnte, das die Antwort eine gewisse Unschärfe enthalten wird, stellt man besser erst einmal sich selber. Die Antwort taugt dann auch nichts, aber man nervt die möglichen Adressaten der Fragen nicht so sehr.
Vorläufig genug des Blödsinns, ich werde jetzt versuchen, einen Anschlußzug zu googeln.

Willebadessen